BAB und Vollkostenkalkulation

von | Mai 16, 2026 | Finanzbuchhaltung

Was kostet eine Pflegestunde wirklich? BAB und Vollkostenkalkulation in der Spitex

Eine Geschäftsleiterin verhandelt den neuen Tarif. Sie braucht einen belastbaren Stundensatz. Der Betriebsabrechnungsbogen liefert ihn.

Lesezeit ca. 14 Minuten. Mit sieben Praxisaufgaben und ausführlichen Lösungen.

Übersicht BAB nach Schweizer Standard mit Spitex-Beispiel Der BAB nach Schweizer Standard Artenrechnung → Kostenstellen → Kostenträger → Vollkostensatz pro Stunde Artenrechnung Welcher Aufwand fällt an? Aufwand SA Kosten 2’720 +30 2’750 Sachliche Abgrenzungen verbinden Fibu mit Bebu Beispiel: kalk. Reserven +50, ao. Schadenfall -20 Kostenstellen Wo fallen die Kosten an? VKSt Fahrzeuge 100 HKSt Materialstelle 100 HKSt Leistungsstelle 1’800 HKSt Verwaltung 200 Funktionale Stellen: Vorkostenstelle, Material, Leistung, Verwaltung Umlage in drei Stufen auf die Kostenträger Werte in TCHF nach Primärverteilung Kostenträger Wofür fällt der Aufwand an? Stunde Grundpflege 16’500 h/Jahr Stunde Behandlungspflege 7’500 h/Jahr Stunde Hauswirtschaft 5’500 h/Jahr 29’500 Pflegestunden pro Jahr Die drei Umlagestufen Stufe 1 Vorkostenstelle Fahrzeuge vollständig auf die Leistungsstelle umgelegt Patienteneinsätze Stufe 2 Operative HKSt je 1:1 auf zugehoerige Kostenträger GP/BP/HW = Herstellkosten Stufe 3 Verwaltungsstelle nach Verhältnis der Herstellkosten der Kostenträger direkt auf Kostenträger Vollkostensatz pro Stunde Selbstkosten Kostenträger geteilt durch geleistete Stunden Grundpflege 1’650 / 16’500 h CHF 100 Behandl.pflege 825 / 7’500 h CHF 110 Hauswirtsch. 275 / 5’500 h CHF 50 Anwendungsbranchen Spitex, Hotelbetrieb, Restaurantbetrieb, Detailhandel, Treuhand und jede weitere Dienstleistung Standardaufbau nach Lehrmittel Speck/Grünenwald/Röösli, Betriebsbuchhaltung leicht verständlich, SKV 2018, Kap. 3

Abbildung 1: Der BAB nach Schweizer Standard mit Beispielzahlen der Spitex Sonnenblick. Artenrechnung mit sachlichen Abgrenzungen, fünf Kostenstellen in fester Reihenfolge, drei Kostenträger der Spitex, drei Umlagestufen, drei Vollkostensätze pro Pflegestunde

Die Frage aus dem Alltag

Die Geschäftsleiterin der Spitex Sonnenblick aus der Region Olten sitzt vor dem Jahresabschluss 2025. In zwei Wochen verhandelt sie mit dem Kanton den Tarif für die nächste Vereinbarungsperiode. Sie braucht belastbare Stundensätze für drei Leistungen: Grundpflege, Behandlungspflege und Hauswirtschaft. Aus der Erfolgsrechnung lassen sich diese Stundensätze nicht ablesen. Die Erfolgsrechnung zeigt zwar Aufwand und Ertrag insgesamt, sie zeigt aber nicht, wie viel die einzelne Stunde Grundpflege wirklich kostet.

Genau diese Frage beantwortet die Betriebsbuchhaltung. Sie führt den Aufwand der Erfolgsrechnung über drei Stufen zu einem Stundensatz pro Leistung. Die zentrale Tabelle dieser drei Stufen heisst Betriebsabrechnungsbogen, kurz BAB.

Spitex Sonnenblick auf einen Blick

Gemeinnützige Spitex-Organisation, Region Olten. 32 Mitarbeitende. Jahresaufwand 2025 rund 2.75 Mio. Franken. Drei Leistungsbereiche: Grundpflege, Behandlungspflege, Hauswirtschaft. Der Kanton ist wichtigster Tarifpartner über die KLV-Sätze der OKP. Der Rest wird über Patientenbeiträge und kantonale Restfinanzierung gedeckt.

Hinweis zur Datenherkunft. Die Zahlen der Spitex Sonnenblick sind ein didaktisch konstruiertes Lehrbeispiel mit runden Werten. Sie stammen nicht aus einer realen Spitex-Organisation. Die Konstruktion folgt dem klassischen BAB-Aufbau nach Lehrmittel Speck/Grünenwald/Röösli «Betriebsbuchhaltung leicht verständlich» (Verlag SKV, 3. Auflage 2018, Kapitel 3). Die Zahlen sind mathematisch exakt aufgehend und führen zu runden Stundensätzen von CHF 100, 110 und 50.

Frage 1

Die Geschäftsleiterin der Spitex Sonnenblick blickt auf die Erfolgsrechnung 2025. Der Personalaufwand beträgt 2’150 TCHF, der Sachaufwand 500 TCHF, die Fahrzeugkosten 100 TCHF. Insgesamt sind es 2’750 TCHF. Sie möchte wissen, wie viel eine Stunde Grundpflege im laufenden Jahr gekostet hat.

Welches Werkzeug liefert ihr diese Information?

Begriffe verständlich gemacht

Drei Begriffe bilden das Gerüst der Betriebsbuchhaltung. Sie werden hier eingeführt, bevor sie verwendet werden.

Kostenarten beantworten die Frage «Welcher Aufwand fällt an?» Sie ordnen den Aufwand der Erfolgsrechnung nach Sachgruppen wie Personalkosten, Materialkosten, Raumkosten oder Fahrzeugkosten.

Kostenstellen beantworten die Frage «Wo fällt der Aufwand an?» Sie ordnen den Aufwand nach Verantwortungsbereichen oder Funktionen. Typische Kostenstellen einer Spitex sind Verwaltung, Fahrzeuge, Grundpflege, Behandlungspflege und Hauswirtschaft.

Kostenträger beantworten die Frage «Wofür fällt der Aufwand an?» Sie ordnen den Aufwand nach Leistungen oder Produkten. In der Spitex sind die Kostenträger die einzelnen Pflegestunden in den drei Leistungskategorien.

Im BAB werden zwei Arten von Kostenstellen unterschieden. Vorkostenstellen (auch Hilfskostenstellen genannt) erbringen ihre Leistung nicht direkt an die Patientinnen und Patienten, sondern an andere Kostenstellen. Sie werden im BAB zu Beginn auf die Hauptkostenstellen umgelegt. Im Spitex-Beispiel ist der Fahrzeugbetrieb eine Vorkostenstelle. Hauptkostenstellen tragen die Kosten der Leistungserstellung und der unterstützenden Funktionen. Grundpflege, Behandlungspflege und Hauswirtschaft erbringen die operativen Pflegeleistungen. Die Hauptkostenstelle Verwaltung umfasst Personalwesen, Buchhaltung und Geschäftsleitung. Im klassischen BAB-Aufbau steht die Verwaltung in der Spaltenreihenfolge ganz rechts, weil ihre Kosten erst nach den Kosten der Leistungserstellung umgelegt werden.

Drei Stufen der Betriebsbuchhaltung Kostenarten Welcher Aufwand? Personalkosten Materialkosten Raumkosten Fahrzeugkosten Kostenstellen Wo fällt er an? Fahrzeuge (Vor) Grundpflege (Haupt) Behandlungspflege Verwaltung (Haupt) Kostenträger Wofür? Stunde Grundpflege Stunde Behandl.- pflege Stunde Hauswirt- schaft

Abbildung 2: Drei Stufen der Betriebsbuchhaltung. Jede Stufe verfeinert die Information um eine Frage

Frage 2

In der Spitex Sonnenblick fallen folgende Aufwände an: ein Diensttelefon im Stützpunkt, der Lohn der Pflegefachfrau Lena Frey, der Mietzins für den Stützpunkt, die Treibstoffkosten der Dienstfahrzeuge.

Diese Posten sind alle Aufwand. Sie unterscheiden sich aber im Gerüst der Betriebsbuchhaltung.

Was beantworten Kostenarten?

Den BAB Schritt für Schritt aufbauen

Der Betriebsabrechnungsbogen ist eine Matrix. In den Zeilen stehen die Kostenarten, in den Spalten zuerst die Artenrechnung mit Aufwand, sachlichen Abgrenzungen und Kosten, danach die Kostenstellen und ganz rechts die Kostenträger. Diese Spaltenfolge ist der Schweizer Standard nach Lehrmittel und gilt für jeden BAB in jeder Branche.

Die Artenrechnung übernimmt den Aufwand aus der Finanzbuchhaltung. Die sachlichen Abgrenzungen korrigieren den Aufwand, wenn die Betriebsbuchhaltung andere Kosten ausweisen soll als die Finanzbuchhaltung. Daraus ergeben sich die Kosten der Betriebsbuchhaltung. Diese Kosten werden anschliessend auf die Kostenstellen und Kostenträger verteilt.

Im Beispiel der Spitex Sonnenblick zeigt der BAB nach der Primärverteilung folgendes Bild. Alle Beträge in TCHF. Die Einzelkosten gehen direkt in die Kostenträger-Spalten ganz rechts. Die Gemeinkosten gehen zuerst in die Kostenstellen-Spalten in der Mitte. Die Verwaltungsstelle ist eine Hauptkostenstelle und steht ganz rechts unter den Kostenstellen, weil sie als Letzte umgelegt wird.

Kostenart Artenrechnung Kostenstellen Kostenträger
Aufwand SA Kosten Fahrzeuge
Vorkostenstelle
Materialstelle
Hauptkostenstelle
Leistungsstelle
Hauptkostenstelle
Verwaltung
Hauptkostenstelle
KT Grundpflege KT Behandl.­pflege KT Hauswirtsch.
Einzelkosten
Direkt zugeordnete Pflegelöhne30003001809030
Pflegematerial direkt zur Patientin25002501507525
Total Einzelkosten550055033016555
Gemeinkosten
Pflegelöhne der Leistungsstelle1’650+501’7001’700
Material und Sachaufwand270−2025010010050
Fahrzeugkosten1000100100
Verwaltungslöhne1500150150
Total Gemeinkosten2’170+302’2001001001’800200
Total (nach Primärverteilung)2’720+302’7501001001’80020033016555

Die Tabelle folgt dem Schweizer Standard nach Lehrmittel. Links steht die Artenrechnung mit Aufwand, sachlichen Abgrenzungen und Kosten. In der Mitte stehen die vier Kostenstellen. Wichtig ist die Funktion der Kostenstellen, nicht die Bezeichnung nach Kostenträgern. Die Spitex Sonnenblick verwendet eine Vorkostenstelle Fahrzeuge sowie drei Hauptkostenstellen Material, Leistung und Verwaltung. Diese funktionalen Stellen bilden die organisatorischen Aufgabenbereiche der Spitex ab. Rechts stehen die drei Kostenträger der Spitex.

In der Artenrechnung wird der Aufwand der Finanzbuchhaltung zuerst übernommen. Die sachlichen Abgrenzungen korrigieren ihn dort, wo Aufwand und Kosten auseinanderfallen. Im Beispiel werden auf den Pflegelöhnen der Leistungsstelle 50 TCHF als Zusatzkosten verbucht. Sie bilden eine kalkulatorische Reserve für nicht ausbezahlte Überstunden, die in der Finanzbuchhaltung noch nicht erfasst ist. Auf dem Material und Sachaufwand werden 20 TCHF abgezogen. Es handelt sich um einen ausserordentlichen Schadenfall im Stützpunkt, der betriebsfremd ist und nicht in die laufenden Pflegekosten gehört. Per Saldo ergibt sich eine Korrektur von 30 TCHF. Der Aufwand der Fibu liegt bei 2'720 TCHF, die Kosten der Bebu bei 2'750 TCHF.

Bei der Verteilung gehen die Einzelkosten direkt in die Kostenträger-Spalten ganz rechts. Die Pflegelöhne mit Einzelkostencharakter und das Pflegematerial werden nach der Pflegedokumentation und den Materialbelegen direkt zugeordnet. Die Gemeinkosten gehen zuerst in die Kostenstellen. Die Pflegelöhne der Leistungsstelle umfassen das gesamte operative Pflegepersonal, das für alle drei Kostenträger eingesetzt wird. Der Material- und Sachaufwand verteilt sich auf die Materialstelle, die Leistungsstelle und die Verwaltungsstelle. Die Fahrzeugkosten landen in der Vorkostenstelle Fahrzeuge. Die Verwaltungslöhne gehen in die Hauptkostenstelle Verwaltung. Nach der Primärverteilung halten die Vorkostenstelle und die drei Hauptkostenstellen 2'200 TCHF, die Kostenträger 550 TCHF.

Verteilschlüssel sachgerecht wählen

Ein Verteilschlüssel ist die Regel, nach der Gemeinkosten auf die Kostenstellen oder Kostenträger umgelegt werden. Ein guter Schlüssel bildet ab, wie die Kostenstelle den Aufwand verursacht hat. Schlechte Schlüssel sind willkürlich oder politisch.

Kostenart Sachgerechter Schlüssel Begründung
RaumkostenQuadratmeter pro KostenstelleRaum ist physisch belegt, der Mietzins folgt der Fläche
FahrzeugkostenGefahrene Kilometer oder EinsatzstundenFahrzeuge werden je nach Pflegestelle unterschiedlich genutzt
IT-GrundkostenAnzahl Arbeitsplätze oder MitarbeitendeJede Person braucht einen Account und ein Endgerät
Verwaltungsstelle und VertriebsstelleUmlage im Verhältnis der Herstellkosten der KostenträgerDie Verwaltung betreut den gesamten Betrieb. Sie wird gemäss Lehrmittel im Verhältnis der Herstellkosten der einzelnen Kostenträger direkt umgelegt. Mathematisch entspricht dies einem Zuschlagssatz, methodisch ist es aber eine Umlage über die Kostenstellen-Spalte
Reinigung des StützpunktsQuadratmeterReinigungsaufwand korreliert mit der Fläche
Sachgerechte Verteilschlüssel Gemeinkosten eine Position Raum 80 TCHF Fahrzeuge 180 TCHF Schlüssel: m² Raumkosten verteilen Schlüssel: km Fahrzeuge verteilen Auf Kostenstellen verursachungsgerecht Auf Kostenstellen je Einsatzhäufigkeit

Abbildung 3: Verteilschlüssel bilden den Treiber der Kosten ab

Frage 3

Die Materialstelle der Spitex Sonnenblick hält 100 TCHF und wird nach dem Verhältnis des Einzelmaterials auf die drei Kostenträger umgelegt. Die drei Kostenträger haben Pflegematerial im Verhältnis Grundpflege 150 TCHF, Behandlungspflege 75 TCHF und Hauswirtschaft 25 TCHF.

Die Geschäftsleiterin möchte den Anteil ermitteln, der auf die Behandlungspflege entfällt.

Wie hoch ist dieser Anteil?

Die Umlagestufen des BAB

Im vollständigen BAB werden die Gemeinkosten in drei klar geregelten Schritten auf die Kostenträger weitergeleitet. Die Einzelkosten stehen bereits direkt in den Kostenträger-Spalten. Die Reihenfolge ist im Lehrmittel verbindlich vorgegeben.

Erstens wird die Vorkostenstelle Fahrzeuge nach gefahrenen Kilometern auf die drei operativen Hauptkostenstellen umgelegt. Zweitens werden die drei operativen Hauptkostenstellen auf die zugehörigen Kostenträger übertragen. Drittens wird die Hauptkostenstelle Verwaltung im Verhältnis der Herstellkosten der Kostenträger direkt umgelegt. Diese Reihenfolge sichert, dass jede Kostenstelle nach den Umlagen auf null geht und alle Kosten in den Kostenträger-Spalten ankommen.

Vollständiger BAB der Spitex Sonnenblick

Die folgende Matrix zeigt den BAB mit allen Umlagen. Sie folgt der Spaltenordnung des Lehrmittels: Artenrechnung, Kostenstellen, Kostenträger. Alle Beträge in TCHF.

Position Artenrechnung Kostenstellen Kostenträger
Aufwand SA Kosten Fahrzeuge
VKSt
Material
HKSt
Leistung
HKSt
Verwaltung
HKSt
KT GP KT BP KT HW
Total nach Primärverteilung2’720+302’7501001001’80020033016555
Stufe 1: Umlage Vorkostenstelle Fahrzeuge auf Leistungsstelle−100+100
Total nach Stufe 101001’90020033016555
Stufe 2a: Umlage Materialstelle nach Einzelmaterial-Verhältnis (60/30/10 Prozent)−100+60+30+10
Stufe 2b: Umlage Leistungsstelle nach gewichteten Lohnstunden (60/30/10 Prozent)−1’900+1’140+570+190
Herstellkosten der Kostenträger0002001’530765255
Stufe 3: Umlage Verwaltungsstelle nach Verhältnis der Herstellkosten der Kostenträger−200+120+60+20
Selbstkosten der Kostenträger00001’650825275
Erlös−2’7500−2’750−1’650−825−275
Gewinn (Minus) / Verlust (Plus)−30+3000000000

Die Selbstkosten in der Kostenträger-Spalte ergeben sich aus den Einzelkosten plus den Anteilen der umgelegten Kostenstellen. Bei der Grundpflege sind das 330 TCHF Einzelkosten plus 60 TCHF aus der Materialstelle plus 1'140 TCHF aus der Leistungsstelle plus 120 TCHF aus der Verwaltung gleich 1'650 TCHF. Die gleichen Schritte gelten für die Behandlungspflege mit 825 TCHF und die Hauswirtschaft mit 275 TCHF. Die Summe der drei Kostenträger beträgt 2'750 TCHF und entspricht den Kosten der Betriebsbuchhaltung in der Artenrechnung.

Die letzten beiden Zeilen schliessen den BAB. Der Erlös wird als Habenbuchung mit Minus-Vorzeichen eingetragen. Bei der Spitex Sonnenblick deckt der Erlös von 2'750 TCHF die Kosten der Betriebsbuchhaltung genau. Die Finanzbuchhaltung zeigt dagegen einen Gewinn von 30 TCHF, weil die sachlichen Abgrenzungen die Kosten der Bebu um 30 TCHF höher ausweisen als den Aufwand der Fibu.

Die drei Umlagestufen kurz erklärt

Stufe 1: Umlage der Vorkostenstelle Fahrzeuge auf die Leistungsstelle. Die 100 TCHF Fahrzeugkosten dienen ausschliesslich den Patienteneinsätzen der Pflegenden. Sie werden deshalb vollständig auf die Hauptkostenstelle Leistung umgelegt. Die Vorkostenstelle Fahrzeuge geht damit auf null. Die Leistungsstelle hält nach Stufe 1 insgesamt 1'900 TCHF.

Stufe 2: Umlage der Hauptkostenstellen Material und Leistung auf die Kostenträger. Die Materialstelle 100 TCHF wird nach dem Einzelmaterial-Verhältnis der drei Kostenträger umgelegt. Grundpflege hat 150 TCHF Pflegematerial, Behandlungspflege 75 TCHF, Hauswirtschaft 25 TCHF, zusammen 250 TCHF. Die Anteile betragen 60, 30 und 10 Prozent oder 60, 30 und 10 TCHF. Die Leistungsstelle 1'900 TCHF wird nach den gewichteten Lohnstunden umgelegt. Behandlungspflege verursacht pro Stunde höhere Personalkosten als Grundpflege oder Hauswirtschaft. Die Verteilung ergibt 60 Prozent für Grundpflege, 30 Prozent für Behandlungspflege und 10 Prozent für Hauswirtschaft, also 1'140, 570 und 190 TCHF. Material und Leistung gehen auf null. Auf jedem Kostenträger treffen die direkten Einzelkosten mit den umgelegten Anteilen zusammen. Daraus ergeben sich die Herstellkosten der Kostenträger: 1'530, 765 und 255 TCHF.

Stufe 3: Umlage der Hauptkostenstelle Verwaltung. Die Verwaltung 200 TCHF wird gemäss Lehrmittel im Verhältnis der Herstellkosten der Kostenträger umgelegt. Die Herstellkosten betragen 1'530, 765 und 255 TCHF, zusammen 2'550 TCHF. Daraus ergeben sich die Anteile von 120, 60 und 20 TCHF. Die Verwaltungsstelle geht auf null. Die Endsumme in der Kostenträger-Spalte sind die Selbstkosten der Kostenträger: 1'650, 825 und 275 TCHF.

Warum die Verwaltungsstelle als eigene Kostenstellen-Spalte und nicht als Zuschlagssatz? Der Schweizer Standard nach Lehrmittel führt die Verwaltungsstelle immer als eigene Spalte. Die Umlage erfolgt als Verteilung im Verhältnis einer sachgerechten Bezugsgrösse, im Dienstleistungsbereich meist nach den Herstellkosten der einzelnen Kostenträger. Mathematisch entspricht das einem Zuschlagssatz, methodisch ist es aber eine Umlage. Der Vorteil: Die Verwaltungsstelle geht im BAB sichtbar auf null. Jeder Kostenträger trägt einen klar zuordenbaren Anteil der Verwaltungskosten. Diese Darstellung folgt dem Schweizer Standard nach Speck, Grünenwald und Röösli.

Drei Umlagestufen vom Aufwand zum Vollkostensatz Primärverteilung Aufwand und SA auf KSt 2’750 TCHF verteilt auf 5 Spalten Stufe 1 Herstellkosten der HKSt 2’000 TCHF + Verw 200 Stufe 2/3 Selbstkosten der Kostenträger SK 2’200 + EK 550 2’750 TCHF 3 Kostenträger Vollkostensätze pro Pflegestunde Grundpflege 1’650 TCHF geteilt durch 16’500 h CHF 100.00 Behandlungspflege 825 TCHF geteilt durch 7’500 h CHF 110.00 Hauswirtschaft 275 TCHF geteilt durch 5’500 h CHF 50.00 Selbstkosten geteilt durch geleistete Stunden

Abbildung 4: Drei Umlagestufen vom Aufwand zu den Selbstkosten der Kostenträger und weiter zum Vollkostensatz pro Pflegestunde

Frage 4

Die Hauptkostenstelle Verwaltung der Spitex Sonnenblick hält nach der Umlage der Vorkostenstelle 200 TCHF. Diese 200 TCHF werden nun in Stufe 3 nach dem Verhältnis der Herstellkosten der Kostenträger umgelegt. Die Herstellkosten der Kostenträger betragen 1'530 TCHF für die Grundpflege, 765 TCHF für die Behandlungspflege und 255 TCHF für die Hauswirtschaft.

Die Geschäftsleiterin will den Anteil der Verwaltungskosten ermitteln, der auf den Kostenträger Grundpflege entfällt.

Wie hoch ist dieser Anteil?

Vom Kostenträger zum Vollkostensatz pro Stunde

Auf den Kostenträgern liegen jetzt die Vollkosten. Sie sagen, was eine ganze Leistungsart im Jahr gekostet hat. Sie sagen aber noch nicht, was eine einzelne Pflegestunde kostet. Den Stundensatz erhalten Sie, indem Sie die Vollkosten pro Kostenträger durch die Anzahl geleisteter Stunden teilen.

Die folgende Tabelle zeigt die Zusammensetzung der Selbstkosten pro Kostenträger und den daraus berechneten Vollkostensatz. Die Selbstkosten setzen sich aus den Einzelkosten direkt, dem Anteil der operativen Hauptkostenstelle und dem Anteil der Verwaltungsstelle zusammen.

Kostenträger Einzelkosten direkt Anteil Materialstelle Anteil Leistungsstelle Anteil Verwaltungsstelle Selbstkosten Kostenträger Stunden Vollkostensatz pro Stunde
Stunde Grundpflege330 TCHF60 TCHF1’140 TCHF120 TCHF1’650 TCHF16’500CHF 100.00
Stunde Behandlungspflege165 TCHF30 TCHF570 TCHF60 TCHF825 TCHF7’500CHF 110.00
Stunde Hauswirtschaft55 TCHF10 TCHF190 TCHF20 TCHF275 TCHF5’500CHF 50.00
Total550 TCHF100 TCHF1’900 TCHF200 TCHF2’750 TCHF29’500

Damit ist der vollständige BAB durchlaufen. Die Spitex Sonnenblick weiss jetzt, was eine Stunde Grundpflege gekostet hat: genau 100 Franken. Diese Zahl trägt sie in die Tarifverhandlung. Sie kann zeigen, wo die Vollkosten den Tarif übersteigen und wo nicht.

Vollkostensatz pro Pflegestunde Grundpflege 1’650 TCHF geteilt durch 16’500 h CHF 100.00 pro Stunde Behandlungspflege 825 TCHF geteilt durch 7’500 h CHF 110.00 pro Stunde Hauswirtschaft 275 TCHF geteilt durch 5’500 h CHF 50.00 pro Stunde

Abbildung 5: Vollkostensätze pro Kostenträger als Ergebnis der dritten BAB-Stufe

Die Auftragskalkulation: Stufe 3 in der Praxis

Mit dem Stundensatz kalkulieren Sie jetzt einzelne Aufträge. Frau M. ist 84 Jahre alt, lebt allein in Olten und erhält von der Spitex Sonnenblick einen wöchentlichen Pflegeplan. So sieht die Auftragskalkulation für eine Woche aus.

Position Menge Ansatz Selbstkosten
Grundpflege4 StundenCHF 100.00CHF 400.00
Behandlungspflege2 StundenCHF 110.00CHF 220.00
Hauswirtschaft1 StundeCHF 50.00CHF 50.00
Pflegematerial direkt zugeordnetVerbrauchBelegCHF 30.00
Selbstkosten Wochenpflege Frau M.7 Stunden plus MaterialCHF 700.00

Diese Kalkulation ist der Kostenträger-Wert, der zählt. Mit ihm kennt die Geschäftsleiterin den vollen Kostenwert der Wochenpflege und kann verhandeln, welcher Anteil durch den KLV-Tarif, durch Patientenbeiträge und durch die kantonale Restfinanzierung gedeckt wird. Die gleiche Logik gilt für jede andere Leistung: einen Mahlzeitendienst, einen Nachteinsatz, eine Wundbehandlung mit teurem Verbandsmaterial oder ein neues Pflegepaket im Sortiment.

Was die Auftragskalkulation Ihnen zeigt

Erstens, ob ein Auftrag kostendeckend ist. Zweitens, wo Spielraum für Sondertarife oder Pakete besteht. Drittens, wie viel Marge nötig ist, damit der Betrieb seine Reserven aufbauen kann. Viertens, welche Leistungen sich für Werbung lohnen und welche eher Kostenfresser sind. Die Antworten kommen direkt aus dem BAB.

Frage 5

Eine kleine Restaurant-Pizzeria in Zug hat im Jahr 2025 Vollkosten der Kostenstelle Küche von 144 TCHF (Personal, Material, Energie, Mietanteil, kalkulatorische Abschreibungen der Küchengeräte). In der Küche wurden 12’000 Pizzen produziert. Der Geschäftsführer möchte den Vollkostensatz pro Pizza ermitteln, um seine Preiskalkulation zu prüfen.

Die Vollkosten der Kostenstelle Küche werden durch die Anzahl Pizzen geteilt.

Wie hoch ist der Vollkostensatz pro Pizza?

Übertrag auf andere Dienstleistungsbranchen

Die Logik des Betriebsabrechnungsbogens ist nicht auf die Spitex beschränkt. Drei weitere Branchen zeigen die Universalität.

Hotelbetrieb

Ein 3-Sterne-Hotel mit 40 Zimmern hat als Kostenstellen Empfang, Restaurant, Zimmer und Wellness. Die Hilfskostenstellen sind Verwaltung und Hauswirtschaft. Die Kostenträger sind die einzelnen Logiernächte in den drei Zimmertypen Standard, Komfort und Suite. Der Vollkostensatz pro Logiernacht zeigt, ab welchem Zimmerpreis das Hotel kostendeckend arbeitet. Restaurant und Wellness werden separat kalkuliert.

Restaurantbetrieb

Ein Restaurant mit 60 Plätzen hat die Kostenstellen Küche, Service und Bar. Hilfskostenstelle ist die Verwaltung. Kostenträger sind Mittagsmenüs, Abendessen und Getränke. Der Vollkostensatz pro Portion ist die Untergrenze für die Preiskalkulation. Wer langfristig unter den Vollkosten verkauft, verzehrt seine Substanz.

Detailhandel mit zwei Abteilungen

Ein Modegeschäft mit zwei Abteilungen Damen und Herren hat als Kostenstellen die beiden Abteilungen, das Lager und die Verwaltung. Kostenträger sind die einzelnen Warengruppen. Der BAB zeigt, ob die Marge nach Abzug der Vollkosten genügt, um Steuern und Risikoreserven abzudecken.

Übertragsregel

Egal ob Spitex, Hotel, Restaurant oder Detailhandel, der Aufbau des BAB ist immer derselbe. Was sich ändert, sind die Kostenstellen, die Kostenträger und die Verteilschlüssel. Wer die Logik einmal verstanden hat, kann sie in jeder Dienstleistungs- oder Handelsbranche anwenden.

Frage 6

Eine Modefachhändlerin in Bern führt zwei Abteilungen Damen und Herren. Die Verwaltungskosten betragen 120 TCHF pro Jahr und sollen nach der Lohnsumme der Verkaufenden verteilt werden. Die Lohnsumme der Verkaufenden Damen ist 280 TCHF, jene der Verkaufenden Herren ist 120 TCHF.

Sie möchte den Anteil der Verwaltungskosten ermitteln, der auf die Abteilung Damen entfällt.

Wie hoch ist dieser Anteil?

Typische Fehler in der Vollkostenkalkulation

In der Praxis gibt es fünf wiederkehrende Fehler, die den Vollkostensatz verfälschen.

Fehler 1: Hilfskostenstellen vergessen. Wer nur die direkten Personalkosten der Pflege rechnet, vergisst Verwaltung und Fahrzeuge. Der Vollkostensatz wird zu tief, der Tarif lässt sich nicht halten.

Fehler 2: Falsche Verteilschlüssel. Ein Schlüssel wie «zu gleichen Teilen auf alle» ist selten sachgerecht. Räume folgen den Quadratmetern, Fahrzeuge den Kilometern, Verwaltung der Lohnsumme oder dem Umsatz.

Fehler 3: Vollkosten und Verkaufspreis verwechseln. Der Vollkostensatz ist die Untergrenze, kein Verkaufspreis. Er deckt die effektiven Kosten ab, aber lässt keine Marge übrig. Der Verkaufspreis liegt über den Vollkosten und enthält zusätzlich Unternehmerlohn, Risikoaufschlag und Reserven.

Fehler 4: Einmalige Effekte nicht herausrechnen. Wenn das Geschäftsjahr durch eine grosse Schadenversicherungsleistung oder einen Sondereffekt verzerrt ist, sollte dieser Effekt für die Tarifkalkulation neutralisiert werden. Sonst entsteht ein verzerrter Stundensatz.

Fehler 5: Hauptkostenstellen 1:1 mit Kostenträgern gleichsetzen. Wenn die Hauptkostenstelle Grundpflege heisst und der Kostenträger Stunde Grundpflege heisst, ist die Hauptkostenstelle überflüssig. Die Hauptkostenstellen müssen funktional sein (Material, Leistung, Verwaltung), die Kostenträger sind die Endprodukte oder Leistungen.

Frage 7

Herr K. lebt allein in Olten und wird nach einem Spitalaufenthalt vier Wochen lang von der Spitex Sonnenblick betreut. Pro Woche erhält er vier Stunden Grundpflege, zwei Stunden Behandlungspflege und zwei Stunden Hauswirtschaft. Die Spitex Sonnenblick verwendet die Vollkostensätze aus dem BAB: CHF 100 für die Grundpflege, CHF 110 für die Behandlungspflege und CHF 50 für die Hauswirtschaft.

Die Geschäftsleiterin möchte die Selbstkosten der vierwöchigen Betreuung für Herrn K. berechnen.

Wie hoch sind die Selbstkosten der gesamten Betreuung?

Fazit

Der Betriebsabrechnungsbogen führt den Aufwand der Erfolgsrechnung in drei Stufen zu einem Vollkostensatz pro Leistung. Erstens werden die Kostenarten gebildet, zweitens auf Kostenstellen verteilt, drittens auf Kostenträger umgelegt. Hilfskostenstellen werden in der innerbetrieblichen Leistungsverrechnung an die Hauptkostenstellen umgelegt. Sachgerechte Verteilschlüssel sind das Rückgrat der Methode.

Wer den BAB sicher beherrscht, kann Tarife verhandeln, Kalkulationen begründen und Bereichsentscheidungen auf Faktenbasis treffen. Aus den Vollkosten allein lassen sich aber keine Verkaufspreise ableiten. Die Preisstellung verlangt zusätzlich eine Diskussion zu Marge, Markt und gesetzlichen Vorgaben.

Quellen. Speck, Markus / Grünenwald, Gabriela / Röösli, Bruno: Betriebsbuchhaltung leicht verständlich. Verlag SKV, Zürich, 3. Auflage 2018. Leimgruber, Jürg / Prochinig, Urs: Das Rechnungswesen als Führungsinstrument. Verlag SKV, Zürich, 11. Auflage 2025, Kap. 34. Hirschi, Jürg / Trepp, Giulio / Zulliger, Fritz: Rechnungswesen Betriebsbuchhaltung. Lehrmittelverlag Bern, 5. Auflage 2019, Kap. 1 bis 2. Hochschule Luzern, Controlling-Wiki, Beitrag «Vollkostenkalkulation», abgerufen am 8. Mai 2026 unter wiki.hslu.ch/controlling/.

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