Care Farming Schweiz: Sinnvolle Aktivitäten für Seniorinnen und Senioren auf Bauernhöfen
Bauernhof statt Altersheim: Ältere Menschen finden auf Schweizer Höfen ein aktives Leben mit Tieren, Natur und Gemeinschaft.
Auf einen Blick
- Care Farming bietet älteren Menschen sinnstiftende Aktivitäten auf Bauernhöfen.
- Die Angebote reichen von Tagesbesuchen bis zum dauerhaften Wohnen.
- Die Finanzierung erfolgt meist privat, teilweise über Ergänzungsleistungen.
- Green Care Schweiz vernetzt Anbieter und setzt Qualitätsstandards.
- Bauernfamilien können sich für die Betreuungsarbeit qualifizieren.
Was ist Care Farming?
Care Farming verbindet Landwirtschaft mit sozialer Betreuung. Menschen mit besonderen Bedürfnissen werden auf Bauernhöfen aufgenommen und in den Alltag eingebunden. Sie helfen bei der Arbeit mit, soweit sie können und wollen. Für manche ist es ein Tagesausflug, für andere ein neues Zuhause.
Der Begriff stammt aus dem Englischen und wird in der Schweiz oft als «Green Care» bezeichnet. Die Idee dahinter: Die Natur, die Tiere und die sinnvolle Beschäftigung wirken sich positiv auf das Wohlbefinden aus. Das bestätigen auch wissenschaftliche Studien der ETH Zürich und der ZHAW.
Das Care Farming Ökosystem
Die 2022 gegründete Dachorganisation Green Care Schweiz vernetzt Anbieter und setzt Qualitätsstandards. Über 60 zertifizierte Partnerbetriebe sind registriert. Die meisten befinden sich in der Deutschschweiz, besonders in den Kantonen Bern, Aargau und Zürich.
Angebote für Seniorinnen und Senioren
Care Farming richtet sich an verschiedene Zielgruppen. Für ältere Menschen gibt es zunehmend spezifische Angebote, die sich in drei Hauptkategorien einteilen lassen.
Tagesbetreuung
Regelmässige Besuche auf dem Hof, zum Beispiel einmal pro Woche. Abends Rückkehr nach Hause. Entlastung für pflegende Angehörige.
Ferienaufenthalte
Kurzaufenthalte von einer bis zwei Wochen. Willkommene Abwechslung für Seniorinnen und Senioren. Auszeit für Angehörige.
Dauerhaftes Wohnen
Leben als Teil der Bauernfamilie. Alternative zum klassischen Altersheim. Für Menschen, die noch relativ selbstständig sind.
Care Farming eignet sich für
- Menschen, die noch mobil und weitgehend selbstständig sind.
- Personen, die ein aktives Leben mit sinnvoller Beschäftigung wünschen.
- Menschen, die gerne in der Natur sind und Tiere mögen.
- Personen, die Gemeinschaft suchen, aber keine intensive Pflege benötigen.
Care Farming ist weniger geeignet für
- Menschen mit hohem Pflegebedarf.
- Personen, die regelmässige medizinische Versorgung benötigen.
- Menschen mit stark eingeschränkter Mobilität.
- Personen, die eine geschützte Umgebung brauchen.
Tätigkeiten auf dem Hof
Was tun ältere Menschen den ganzen Tag auf einem Bauernhof? Die Möglichkeiten sind vielfältig und werden an die individuellen Fähigkeiten angepasst. Alle Tätigkeiten sind freiwillig.
| Tätigkeit | Körperliche Anforderung | Besonders geeignet für |
|---|---|---|
| Tiere füttern, streicheln | Gering | Alle |
| Gartenarbeit im Sitzen | Gering bis mittel | Personen mit eingeschränkter Mobilität |
| Gemüse rüsten, Kochen | Gering | Alle, besonders erfahrene Köchinnen und Köche |
| Spaziergänge auf dem Hof | Mittel | Mobile Personen |
| Einfach da sein, beobachten | Keine | Alle |
Nicht jeder möchte arbeiten. Auch das ist in Ordnung. Auf der Bank sitzen, die Natur beobachten oder sich mit der Familie unterhalten: Auch das ist wertvolle Zeit. Es geht um Teilhabe, nicht um Arbeitspflicht.
Finanzierung
Die Finanzierung von Care Farming ist oft eine Herausforderung. Anders als bei Pflegeheimen gibt es keine einheitlichen Regelungen. Die Kosten variieren je nach Angebot, Region und Betrieb.
Selbstzahlung: Die meisten Aufenthalte werden privat finanziert. Vermögen, Rente und Unterstützung durch Angehörige decken die Kosten.
Ergänzungsleistungen (EL): Wer Anspruch auf Ergänzungsleistungen hat, kann unter Umständen Kosten für Betreuung und Hilfe zu Hause geltend machen. Ob Care-Farming-Kosten anerkannt werden, hängt vom Kanton ab.
Behördliche Platzierung: Wird eine Person durch eine Behörde (z.B. KESB) platziert, ist die Finanzierung meist besser geregelt.
Die Krankenkasse übernimmt keine Kosten für Care Farming, da es sich nicht um eine medizinische Leistung handelt. Wer zusätzlich Spitex benötigt, kann deren Pflegeleistungen separat über die Krankenkasse abrechnen.
Für aktuelle Informationen zu Kosten und Finanzierung empfehlen wir, direkt mit Green Care Schweiz oder den einzelnen Betrieben Kontakt aufzunehmen.
Voraussetzungen für Bauernbetriebe
Bauernfamilien, die Care Farming anbieten möchten, müssen verschiedene Voraussetzungen erfüllen.
Persönliche Eignung
Die wichtigste Voraussetzung ist die Bereitschaft, fremde Menschen in die Familie aufzunehmen. Dies erfordert Offenheit, Geduld und die Fähigkeit, mit unterschiedlichen Situationen umzugehen. Die ganze Familie muss hinter dem Entscheid stehen.
Ausbildung
Eine spezifische Ausbildung ist empfehlenswert. Das Inforama im Kanton Bern bietet den Kurs «Ausbildung Betreuung im ländlichen Raum» (ABL) an. Der 32-tägige Kurs vermittelt Grundlagen der Betreuungsarbeit.
Anbieter: Inforama, Kanton Bern.
Dauer: 32 Unterrichtstage über ca. 16 Monate.
Inhalt: Grundlagen der Betreuungsarbeit, Kommunikation, rechtliche Aspekte, Selbstfürsorge.
Abschluss: Zertifikat Inforama/BFF.
Weitere Informationen: inforama.ch
Betriebliche Voraussetzungen
Der Betrieb muss geeignete Räumlichkeiten bieten. Je nach Kanton sind Bewilligungen erforderlich, insbesondere wenn mehrere Personen aufgenommen werden. Die Zusammenarbeit mit einer Vermittlungsorganisation kann den Einstieg erleichtern.
Weiterführende Informationen und Anlaufstellen
-
Green Care Schweiz
Dachorganisation für Care Farming in der Schweiz. Vernetzung, Qualitätsstandards, Partnerbetriebe.
-
Verein CareFarming Schweiz
Informationsplattform für Bauernfamilien, die Betreuungsleistungen anbieten möchten.
-
Stiftung LuB
Vermittlung von Betreuungsplätzen in ländlichen Familien.
-
Wobe AG
Organisation für Wohn- und Betreuungsangebote in Familien.
-
BSV: Care Farming im Alter (CHSS)
Fachartikel des Bundesamts für Sozialversicherungen mit Roadmap für die Schweiz.
Häufige Fragen zu Care Farming
Nein. Care Farming ist keine Pflegeeinrichtung. Im Zentrum steht nicht die medizinische Versorgung, sondern die soziale Teilhabe und ein aktives Leben. Wer regelmässig Pflege benötigt, ist in einem Pflegeheim oder mit Spitex-Unterstützung besser aufgehoben. Care Farming eignet sich für Menschen, die noch selbstständig sind, aber Gemeinschaft und sinnvolle Beschäftigung suchen.
Die Krankenkasse übernimmt keine Kosten für Care Farming, da es sich nicht um eine medizinische Leistung handelt. Wird zusätzlich Spitex benötigt, können deren Pflegeleistungen über die Krankenkasse abgerechnet werden. Die Betreuung auf dem Bauernhof selbst ist jedoch privat zu finanzieren.
Die Dachorganisation Green Care Schweiz führt eine Liste von Partnerbetrieben. Auch Vermittlungsorganisationen wie die Stiftung LuB oder die Wobe AG können bei der Suche helfen. Ein persönlicher Besuch vor Ort ist wichtig, um zu prüfen, ob die Chemie stimmt.
Nein. Alle Tätigkeiten sind freiwillig. Wer möchte, kann bei leichten Arbeiten mithelfen, zum Beispiel beim Füttern der Hühner oder beim Gemüserüsten. Wer lieber spazieren geht oder einfach die Ruhe geniesst, kann das ebenfalls tun. Es geht um Teilhabe, nicht um Arbeitspflicht.
Kritisch nachgefragt
Care Farming richtet sich an Menschen, die körperlich und geistig noch weitgehend selbstständig sind. Ideal sind Personen, die Freude an Natur, Tieren und ländlichem Leben haben. Wer intensive Pflege oder medizinische Betreuung benötigt, ist in einem Pflegeheim besser aufgehoben. Auch Menschen mit fortgeschrittener Demenz oder starker Mobilitätseinschränkung können auf einem Bauernhof oft nicht angemessen betreut werden.
Im Idealfall profitieren alle Beteiligten. Die betreuten Personen erhalten ein aktives, sinnstiftendes Umfeld mit sozialer Einbindung. Die Bauernfamilie gewinnt ein zusätzliches Einkommen und oft auch bereichernde zwischenmenschliche Kontakte. Das Gesundheitssystem wird entlastet, weil teure Heimplätze eingespart werden. Kritisch betrachtet: Die Bauernfamilie trägt eine hohe Verantwortung bei vergleichsweise bescheidener Entlöhnung. Die Qualitätskontrolle ist kantonal unterschiedlich geregelt.
Eine gewisse Anpassungsfähigkeit ist wichtig. Das Leben auf dem Bauernhof folgt anderen Rhythmen als in der Stadt. Frühes Aufstehen, einfache Verhältnisse und manchmal auch Lärm oder Gerüche gehören dazu. Geeignet sind Personen, die offen für Neues sind, gerne unter Menschen leben und sich in eine bestehende Familienstruktur einfügen können. Wer viel Privatsphäre braucht oder einen hohen Komfortstandard erwartet, wird möglicherweise nicht glücklich.
Nein. Die Mithilfe auf dem Hof ist freiwillig und gilt als Teil des Betreuungskonzepts, nicht als Arbeit im arbeitsrechtlichen Sinn. Es handelt sich um sinnstiftende Beschäftigung, nicht um ein Arbeitsverhältnis. Die betreute Person bezahlt für die Betreuung und erhält keine Vergütung für ihre Mithilfe. Dies unterscheidet Care Farming klar von einer Anstellung. Wer gegen Entgelt arbeiten möchte, muss ein reguläres Arbeitsverhältnis eingehen.
Ja. Die Qualität der Betreuung hängt stark von der einzelnen Familie ab. Es gibt keine einheitlichen nationalen Standards. Im ländlichen Raum ist die medizinische Versorgung oft weiter entfernt. Bei Konflikten oder wenn sich der Gesundheitszustand verschlechtert, kann ein Wechsel nötig werden. Auch die Abhängigkeit von einer einzelnen Familie kann problematisch sein. Deshalb ist eine sorgfältige Auswahl und ein Probewohnen vor der definitiven Entscheidung wichtig.
Die betreute Person hat dieselben Rechte wie in jeder anderen Wohnform. Dazu gehören das Recht auf Privatsphäre, auf würdevolle Behandlung und auf freie Gestaltung des Alltags. Ein schriftlicher Betreuungsvertrag sollte die gegenseitigen Rechte und Pflichten regeln. Wichtig: Niemand darf zu Tätigkeiten gezwungen werden. Bei Problemen können die kantonale Ombudsstelle oder die KESB (Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde) kontaktiert werden.
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